Kinderwunsch kann traurig machen

Kinderwunsch kann traurig machen

Dieser Artikel ist anders als meine Blogartikel sonst sind. Der Grund? Weil mich die Geschichte von Silke Szymuras berührt, die mit 30 Jahren ihren Lebenspartner verloren hat und daraufhin einiges in ihrem Leben veränderte.

Unter anderem begann sie einen Blog zu schreiben. „In lauter Trauer“ ist eine echte Empfehlung für alle, die mit dem Thema Trauer in irgendeiner Form in Berührung kommen.

Silkes verstorbener Lebenspartner hätte am 27. Februar Geburtstag und Silke rief dazu auf, dass ganz viele Menschen über ihr persönliches Erleben von Trauer schreiben und diese Artikel zeitgleich zum Geburtstag veröffentlichen. Damit an diesem Tag ganz viel über Trauer gesprochen wird. Und dieses Thema von seinem Tabu befreit wird.

Ich finde diese Idee großartig und beteilige mich gerne an dieser Aktion. Hier findest du all die Beiträge  http://in-lauter-trauer.de/alle-reden-ueber-trauer-2017

 

Trauer – ein Tabu und sehr persönlich

Über Trauer zu schreiben heißt für mich sehr viel von mir zu zeigen. Denn da möchte ich nicht über Klienten oder andere Personen schreiben. Ich kann bei diesem Thema nur über meine erlebten Gefühle berichten. Meine Verletzlichkeit wird sichtbar und ich werde viel mehr von mir preisgeben, als ich es üblicherweise in der Öffentlichkeit tue. Es fordert mich heraus.

Als ich den Aufruf von Silke las, kam mir sofort eine Trauer in den Sinn, die mein Leben über eine lange Phase hinweg begleitet hat. Eine Trauer, der ich mir nicht unbedingt bewusst war, die ich so vielleicht nie benannt hätte, die tief in mir drin vergraben war. Doch langsam, lass uns in die Zeit zurückgehen, als alles begann ……

 

Ich will Familie und sonst Nichts

Schon als junges Mädchen war ich absolut davon überzeugt, dass ich eines Tages Mutter sein möchte. Am liebsten mit einer richtig großen Kinderschar. Eine bunte, lebendige und lebhafte Familie hatte ich mir gewünscht. Gerade einmal zwanzig war ich bei meiner Hochzeit, weil der Wunsch nach einer eigenen Familie so groß war. Es gab für mich gar kein anders Bild von meiner Zukunft.

Mit Mitte zwanzig hatte ich schon lange auf Verhütungsmittel verzichtet und wartete Monat für Monat darauf, dass die Regel endlich ausblieb und ich schwanger würde. Doch das passierte nicht.

Erst stellte sich Ratlosigkeit ein. Dann wurde ich ungeduldig und zornig. Fühlte mich ungerecht behandelt vom Schicksal. Wurde richtig wütend auf meinen Körper, der nicht so funktionierte, wie ich es mir von ihm erhoffte.

Das Einsetzen der Monatsblutung brachte meine Welt jeden Monat aufs Neue zum Einstürzen. Ich hätte tagelang heulen können. Warum? Warum bekomme ich keine Kinder und andere werden ungewollt schwanger? Ist so ein bisschen Gerechtigkeit wirklich zu viel verlangt? Es wäre doch gerecht, wenn die, die schwanger werden wollen, dies auch können und die anderen eben einfach nicht schwanger werden, oder?

Ich war enttäuscht, weil mir Wunsch mir nicht erfüllt wurde. Fühlte mich unfähig und unvollständig als Frau. Ich war traurig, weil ich scheinbar anders war wie die anderen Frauen. Traurig, weil sich langsam das Gefühl einschlich, dass ich nie erfahren werde, wie es sich anfühlt, wenn in einem neues Leben wächst. Wie es ist, wenn von innen jemand gegen die Bauchdecke tritt. Traurig war ich auch, weil ich mich benachteiligt fühlte vom Leben. Ja, ich tat mir selber leid. Ich war traurig, wenn ich mir vorstellte, dass es keine kugelrunden Augen geben würde, die mich in grenzenlosen Vertrauen anstrahlen würden.

 

Es beginnt schwierig zu werden

Je länger sich die ungewollte Kinderlosigkeit zog, umso dünnhäutiger wurde ich. Auf Familienfeiern zu gehen wurde unerträglich. Denn es waren garantiert kleine Kinder dabei. Die ja so niedlich sind, doch einem das Herz zerschneiden, wenn man selber keine hat und sich sehnlichst welche wünscht. Ja, auch der Neid mischte sich in meine Gefühlswelt.

Bist du schon einmal mit glücklichen Müttern an einem Tisch gesessen? Über was unterhalten die sich? Genau – über ihre Kinder. Und zwar ausschließlich. Eine Tortour für mich zu dieser Zeit. Haltung bewahren kann ganz schön anstrengend sein.

Und abends lag ich dann im Bett und weinte mir die Augen aus dem Kopf. Oder ich versuchte genau dies nicht zu tun und alles zu schlucken, ganz still zu sein, weil mit der Zeit mein Mann mit meinen Gefühlsausbrüchen ziemlich überfordert war.

Es war Trauer, die keinen Weg fand sich auszudrücken. Trauer, die nicht gesehen wurde. Für die wenig Verständnis im Außen da war. Ich selber bekam es auch nicht richtig fassen, was denn jetzt eigentlich los ist.

Irgendwann konnte ich es kaum mehr ertragen schwangere Frauen zu sehen. Am liebsten hätte ich die Straßenseite gewechselt, um nicht an diesen meist selig lächelnden Damen vorbeigehen zu müssen.

 

Rückzug war meine Strategie

Ich zog mich Stück für Stück immer mehr zurück aus dem Leben. Wollte nicht mehr mit glücklichen Familien konfrontiert werden. Wollte keine indiskreten Fragen mehr beantworten und keine dummen Sprüche mehr hören. Fühlte mich unverstanden, obwohl ich den wenigsten Menschen überhaupt noch eine Chance dazu gab, mich zu verstehen. Denn ich hörte auf, über meinen so dominanten Wunsch und all die erlebten Enttäuschungen zu sprechen. Flüchtete mich in banale Schönwetter-Gespräche.

Mein Herz wurde wahrlich zur Mördergrube und ich zu einem wandelnden Trauerkloß.

 

Ein Satz mit X

Zweimal erlebte ich den Abgang einer Frühschwangerschaft. Einmal hielt ich dieses kleine Würmchen in meiner Hand. Fassungslosigkeit. Ich war verletzt und enttäuscht. Wieso kann mein Körper einem beginnenden Leben nicht die Bedingungen bieten, die es braucht, sich zu entwickeln?

Die Ehe litt gewaltig unter der ungewollten Kinderlosigkeit. Sex war kein Genuss mehr – nur noch Mittel zum Zweck. Was war nur mit unserer Liebe passiert? Es ging gar nicht mehr um unsere Beziehung, es ging nur noch um das Ziel, endlich schwanger zu werden.

Darauf war ich so fixiert, dass ich meine Augen vor dem wahren Zustand unserer Ehe verschloss. Mein Kinderwunsch kostete mich einen hohen Preis.

Mit 28 gipfelten meine Bemühungen dann in einer Bauchhöhlenschwangerschaft, die wurde nachmittags diagnostiziert und ich wurde sofort in ein Krankenhaus eingewiesen. Es begannen unerträgliche Schmerzen und abends um 20 Uhr wurde eine Notoperation eingeleitet. Alles ging gut. Zumindest was mein Weiterleben anbelangte. Am nächsten Morgen sagten mir die Ärzte, dass ich froh sein könne, dass ich noch am Leben bin. Es sei eine Sache von Minuten gewesen und jetzt sei es halt so, dass ich keine Kinder mehr bekommen könnte. Die Schwangerschaft hatte einen Eierstock stark geschädigt, es gab noch verschiedene andere Befunde und sie mussten mich aus medizinischen Gründen sterilisieren. Doch immerhin, ich lebe.

 

 

 

Scherbenhaufen Zukunft

 

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Da lag ich nun in diesem Krankenhausbett mit dem Scherbenhaufen meiner Zukunftspläne. Mir wäre es in diesem Moment tatsächlich lieber gewesen, ich wäre einfach nicht mehr aufgewacht. Die Begeisterung der Ärzte, dass es gerade noch rechtzeitig war mit der OP, konnte ich nicht so recht teilen.

Was sollte ich denn noch hier?

Ich fühlte mich wie unter Schock. Der ganze Sinn und Zweck meines Daseins wurde mir genommen. Jede Hoffnung, meinen Traum von Familie leben zu können, hatte sich in Luft aufgelöst. Niemals würde ich Mutter sein und in Folge auch niemals die freundliche, liebevolle Oma, die ich in meiner Vorstellung eines Tages einmal gewesen wäre. Mit einer riesigen Schar Enkelkinder. Ja, ich hatte sehr klare Bilder in meinem Kopf, wie ich mein Leben gerne gestaltet hätte. Es war sehr bitter, diese loslassen zu müssen.

Bodenlos war meine Traurigkeit damals. Die Vorstellung, niemals ein eigenes Kind in den Armen zu halten, war unerträglich. All diese bunten Bilder in meinem Kopf von meiner Traumfamilie zerplatzten wie Seifenblasen. Zeitgleich löste sich meine Ehe in Luft auf.

Seelischer und körperlicher Schmerz und die Gedanken von Sinnlosigkeit beherrschten mich über Wochen und Monate. Eine Kur half mit, mich neu auszurichten und zu verarbeiten, was geschehen war. Viele Fragen wurden mir dort gestellt und Denkanstöße gegeben. Es ging darum zu reflektieren, welche Bedürfnisse ich mit einem Kind befriedigt hätte. Diese Arbeit war schmerzhaft. Doch es war bitter nötig sie zu tun. Denn nur so konnte ich erkennen, welche Alternativen da sind. Konnte beginnen zu akzeptieren, dass mein Leben jetzt so ist wie es ist.

In der folgenden Zeit habe ich all meine Energien in meine Berufstätigkeit gesteckt und mit der Zeit trat der Schmerz in den Hintergrund.

 

Ein Traum wird wahr und trotzdem …

Einige Jahre später hat sich für mich das Blatt gewandelt und ich hatte das riesige Glück, einen wunderbaren Mann kennen zu lernen, der mit mir den Weg der Kinderwunschbehandlung ging. Und für mich ist es auch jetzt noch immer ein unglaubliches Wunder, dass gleich der erste Versuch klappte und ich eine gesunde Tochter zur Welt brachte. Zwei weitere Versuche für Geschwisterkinder waren nicht erfolgreich.

Obwohl ich dieses unfassbare Glück hatte, bereits eine Tochter zu haben, zogen mich die Fehlversuche in ganze tiefe Gefühlstäler. Traurigkeit. Das Gefühl, endgültig keine Chance mehr zu haben, tauchte wieder auf. Ein Gefühl der Machtlosigkeit über das eigene Leben machte sich breit. Ich wollte mir selber die Traurigkeit nicht so recht eingestehen. Denn gleichzeitig nahm ich mich dann als undankbar wahr. Ich hatte doch schon einmal so viel Glück gehabt. Vielleicht sollte ich das Schicksal nicht herausfordern. Hatte ein schlechtes Gewissen meiner Tochter gegenüber. Meine Traurigkeit schien auszudrücken, das sie mir nicht genügen würde. Merkwürdige Gedanken und sehr zwiegespaltene Gefühle. Das wollte ich mir nicht erlauben. Gute Miene machen verlangte ich mir ab. Drückte meine wahren Gefühle weg.

Nach meinem zweiten Fehlversuch kamen mir morgens in der Mütterrunde im Kindergarten plötzlich die Tränen, als ich eine andere Mutter beobachtete, die gerade ihr Neugeborenes stillte. Es ließ sich nicht zurückhalten. Prompt wurde ich angesprochen, was denn los sei. Meine Antwort kam spontan und ungeschminkt, nicht bedenkend, dass die anderen ja nur oberflächlich Bekannte waren und ich war fassungslos über die Antwort, die ich bekam: „Mir geht es auch gerade nicht so gut. Gestern ist das Auto kaputt gegangen und muss jetzt in die Werkstatt.“. Empathie geht anders.

Verständlich, dass ich die Runde schnellstmöglichst verließ, oder? Ich ging nach Hause und ließ der Trauer freien Lauf. An diesem Vormittag habe ich mir Zeit genommen für meine Trauer. Alles andere blieb liegen. Ich habe mich damals dann endgültig von meinem Kinderwunsch verabschiedet. Mit einer leichten Wehmut, die auch heute immer wieder noch einmal spürbar wird.

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Sternenkinder

Etliche Jahre später habe ich eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin durchlaufen. Da gehört es dazu, dass man sich mit der eigenen Trauer auseinander setzt. Es werden viele Übungen dazu gemacht, damit man wirklich an tiefe Schichten gelangt. Und ich war ganz überrascht, mit welcher Wucht auf einmal eine Trauer hoch kam, von der ich gar nicht dachte, dass sie in mir steckt.

Es war die Trauer um die Kinder, die nicht geboren werden konnten. Die Kinder, die ich als Abgänge einer Frühschwangerschaft und mit der Bauchhöhlenschwangerschaft verloren hatte. All die Jahre saß diese Trauer ganz tief in mir. Im Rückblick haben sich dadurch manche Dinge für mich erklärt, die ich vorher nicht verstand.

Während der Ausbildung bekam ich die Gelegenheit, meinen Sternenkindern Namen zu geben und ein Abschiedsritual für sie durchzuführen. Dies war für mich sehr bewegend, reinigend und machte Raum für einen tiefen inneren Frieden.

Das ist es, was ich allen Menschen wünsche – dass sie Frieden schließen können mit den Dingen, die sich in ihrem Leben ereignen.

 

Mein Traum, meine Vision:

Lasst uns ehrlich darüber reden, wie es uns geht. Lasst uns die Trauer zum Thema machen. Lasst uns einander zuhören – offen, wertfrei und wertschätzend.

 

Meine Bitten an dich:

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Foto: Pixabay

3 Kommentare an Kinderwunsch kann traurig machen

  1. […] Kinderwunsch kann traurig machen Das Einsetzen der Periode war für mich in der Kinderwunschzeit mit schöner Regelmäßigkeit ein Auslöser für tiefe Traurigkeit und einen Besuch im Tal der Tränen. Wer traurig ist, der trauert. Doch das war mir damals gar nicht so richtig klar. Ich habe mich nicht als Trauernde wahrgenommen. Sonst hätte ich vielleicht viel früher hilfreiche Strategien entwickeln können, wie ich mit der Situation klar kommen kann. Ich erzähle in diesem Artikel von meiner Traurigkeit im Zusammenhang mit meinem Kinderwunsch. (Jutta Marx) […]

  2. Liebe Jutta,
    freue mich so sehr, dass Du, trotz allem, eine gesunde Tochter zur Welt gebracht hast!
    Gratuliere Dir und euch von Herzen!

    Und es tut mir so unendlich Leid, dass Du so viele schmerzhafte Erfahrungen sammeln musstest.
    Solltes Du der Dame, die Dir den netten ‚mein Auto muss in die Werkstatt‘-Spruch gedrückt hat, wieder einmal begegnen, kannst Du ihr gerne kommentarlos, in meinem Namen, gegen das Schienbein treten… wäre ich dort gewesen, ich hätte Dich einfach, ohne etwas zu sagen bei der Hand, mit in eine ruhige Ecke und in den Arm genommen.

    Danke, dass Du Deine intime und emotionale Geschichte mit uns geteilt hast!
    Dicke Umarmung
    Anna

    • Liebe Anna,
      danke für deinen liebevollen Kommentar.
      Der Tritt gegen das Schienbein entspricht jetzt nicht meiner „guten Kinderstube“ – hat dennoch seinen Charme. 🙂 Musste grinsen bei der Vorstellung, wie sie wohl damals darauf reagiert hätte. Oder heute reagieren würde, wenn ich ihr beim Einkaufen begegne und ihr dann einfach so ohne ein Wort gegen das Schienbein träte. 🙂
      Herzlichst
      Jutta

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Jutta Marx

Achtsamkeit und Gelassenheit sind für mich die Schlüssel zu einem Leben in innerem Frieden. Es ist egal, was das Leben dir präsentiert - wenn du bei dir bleibst, in deiner Mitte bist, dann kannst du mit allen Herausforderungen besser fertig werden. Auch die - manches mal extrem herausfordernde - Kinderwunschzeit lässt sich so besser bewältigen. Zeig dem Stress in deinem Leben jetzt die rote Karte!

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