Warum fällt NEIN sagen so schwer?

Warum fällt NEIN sagen so schwer?

Monatsende – Arbeit ohne Ende

Valentina sitzt in ihrem Büro, vor sich drei hohe Stapel mit Akten. Bald ist Mittagspause und wenn sie die etwas abkürzt und sich nachher beeilt, dann kann sie es schaffen, heute pünktlich aus dem Büro zu kommen. Keine der Akten erlaubt länger Aufschub, lauter Terminsachen. Am Monatsende kommt es mit dem Arbeitsanfall immer ein bisschen dicker daher.

 

Mittagspause – neue Energien tanken

In der Kantine gibt es einen leckeren Kartoffel-Gemüse-Auflauf und eine Portion gemischten Salat mit gerösteten Sonnenblumenkernen. Das gibt wieder Energie.

An ihrem Tisch ist noch ein Platz frei und es dauert nicht lange, dann steht Evi vor ihr „Darf ich?“. „Ja, klar. Setz dich“. Valentina freut sich, dass die junge Kollegin zeitglich mit ihr Pause macht. Sie ist noch nicht lange in der Firma und es ist amüsant, mit ihr zu plaudern.

„Wie läuft es bei dir? Hast du dich schon in das Programm eingearbeitet?“ „Oh, es ist gerade ganz übel. Alles muss sofort fertig werden und mir fehlt die Routine. Ich muss halt noch vieles nachschauen und genau überlegen, was zu tun ist. Und dadurch kommt kaum was vom Tisch.

Eben vor der Mittagspause habe ich eine Fehlermeldung im System erzeugt und ich weiß gar nicht, was ich jetzt machen soll. Karl, der sich eigentlich um meine Einarbeitung kümmert, ist heute krank.

Bevor ich jetzt alles zum Absturz bringe, habe ich mir erst eine Pause genehmigt, um meine Nerven wieder zu beruhigen. Deshalb gönne ich mir auch diese Riesenportion Schokoladenpudding!“

 

Energieräuber Zucker

„Und du glaubst, Schokoladenpudding unterstützt deine Nerven? Das wird nicht funktionieren. Bei der Zuckermenge tust du dir nichts Gutes.

Um die zu verarbeiten, muss dein Körper genau die Vitamine verbrauchen, die deine Nerven dringend benötigen.

An deiner Stelle würde ich den Pudding nicht aufessen. Ich habe noch eine Tüte Studentenfutter auf Vorrat im Schreibtisch. Das schenke ich dir gerne. Die Nüsse sind wunderbare Nervennahrung und die süßen Rosinen bringen den Zuckerflash, besser als Schokolade. Komm doch mit, dann gebe ich sie dir.“

Valentina konnte Evi überzeugen und die Schüssel Schokoladenpudding ist fast noch voll, als Evi ihr Tablett in den Geschirrwagen stellt.

 

Valentina kennt sich aus

Auf dem Weg zu Valentinas Schreibtisch erzählt Evi von dem Problem, das sie mit dem Programm hat. „Ach, das kenne ich“ sagt Valentina, „das hatte ich auch schon einmal“. Die beiden betreuen unterschiedliche Sachgebiete, doch das Firmen-EDV-System, ist in allen Bereichen sehr ähnlich zu verwenden.

„Mensch, Valentina, könntest du mir vielleicht helfen? Du hast doch so viel Erfahrung. Ich schaffe das nicht alleine. Bitte, du bist meine Rettung“.

Valentina fischt gerade die Tüte Studentenfutter aus dem Schreibtisch und drückt sie Evi in die Hand.

 

Nein sagen wäre jetzt angebracht

Dabei fällt ihr Blick auf die drei Stapel. „Hm, also eigentlich …“ „Bitte Valentina. Ich brauche dich, du weißt so viel und kannst es toll erklären.“ Mit flehenden Augen schaut Evi sie an.

Dieser Blick – wer kann dem schon widerstehen? Und geschmeichelt fühlt Valentina sich auch. „Also gut, ich komme mit dir mit, mal sehen, wie wir das lösen können“ gibt Valentina sich geschlagen. Evi atmet erleichtert aus „du bist wirklich die tollste Kollegin, die man haben kann“.

 

Nein sagen – das hat nicht geklappt

Als Valentina dann den Vorgang mit Evi durchgeht, entdeckt sie mehrere Kleinigkeiten, die verändert werden müssen, damit das EDV-System die Eingaben akzeptiert. Es tauchen einige Wissenslücken bei Evi auf, man merkt, dass die Einarbeitung noch am Anfang ist. So dauert es beinahe eine Stunde, bis alles erledigt ist und Evi Valentina voll Dankbarkeit spontan in den Arm nimmt. „Du bist einmalig. Ohne dich wäre ich aufgeschmissen gewesen. Danke.“

„Halb so wild, ist schon gut. Habe ich gerne gemacht.“ murmelt Valentina verlegen. Irgendwie ist sie mit sich zufrieden und auch ein bisschen stolz auf sich, denn Hilfsbereitschaft ist eine Eigenschaft, die bei ihr einen sehr hohen Stellenwert hat. Jeden Tag eine gute Tat – mit diesem Motto lebt sie schon seit Kindertagen.

 

Energie aufladen

Zurück an ihrem Schreibtisch fällt ihr Blick auf die Uhr. „Oh, da muss ich jetzt aber richtig Gas geben.“ Erst einmal ein großes Glas Wasser trinken, einmal die Arme nach oben strecken, den Körper lang machen und räkeln. Dann die Arme kraftvoll vor dem Körper von links nach rechts schlenkern lassen. Das tut gut. Jetzt kann es mit frischer Energie weiter gehen.

Ganz konzentriert und mit hohem Tempo arbeitet Valentina einen Vorgang nach dem anderen ab. Das Telefon hat sie auf den Anrufbeantworter umgeleitet. Störungen sind gerade unerwünscht.

Nach einer Stunde klingelt ihre Terminerinnerung im PC und sie trinkt wieder ein großes Glas Wasser, nimmt ein paar tiefe Atemzüge und dann geht es in die nächste Runde.

 

Was – schon so spät?

Zwei Stapel sind komplett weg und der dritte etwa zur Hälfte. „Ich wollte mich noch einmal bei dir bedanken. Du hast was gut bei mir. Mach nicht mehr so lange. Einen schönen Feierabend wünsche ich dir.“ ertönt die muntere Stimme von Evi hinter ihr.

Valentina war so in die Arbeit vertieft, dass sie sie gar nicht kommen hörte. „Dankeschön. Habe gar nicht gemerkt, dass es schon so spät ist. Wünsche dir auch einen schönen Feierabend.

Ein rascher Blick auf die Uhr zeigt Valentina, dass es nicht klappen wird, pünktlich raus zu kommen. Sie weiß, dass es sich nicht lohnt, sich jetzt zu ärgern, das zieht nur die Energie nach unten und hilft ihr nicht dabei, ihr Ziel zu erreichen. Die Akten müssen heute noch vom Tisch. Egal wie.

 

Auf geht’s zum Endspurt

Also auf zur letzten, kurzen Pause. Die Schultern hochgezogen bis zu den Ohren, Anspannung kurz halten, loslassen. Und das Ganze noch einmal. Zehn tiefe Kniebeugen, um den Kreislauf anzukurbeln, ein Glas Wasser trinken und es kann weiter gehen.

Genau die Stunde, die sie gebraucht hat, um der jungen Kollegin Evi zu helfen, muss sie heute hinten dran hängen. Dann ist alles geschafft und Valentina kann Feierabend machen.

 

Endlich Feierabend!

Als sie zum Auto kommt, fällt ihr ihre Sporttasche auf dem Rücksitz auf. Siedend heiß wird es ihr. Heute ist ja Dienstag. Meine Yogastunde fängt gleich an! Da heißt es Gas geben. Doch bei der zweiten roten Ampel wird ihr klar, dass das nicht mehr klappt. So ein Mist!

Jetzt ärgert Valentina sich doch. Diese Mischung aus Entspannung und Bewegung tut ihr immer so gut. Die Yogalehrerin hat jede Woche neue Inspirationen, das Treffen mit den anderen Teilnehmern und die schöne Atmosphäre im Studio ist einfach nicht zu vergleichen damit, nur für sich zu Hause zu üben.

 

Programmänderung

„Wenn ich jetzt schon hier lang fahre, dann könnte ich schauen, ob Britta zu Hause ist“. Gesagt, Getan. Die nächste Parklücke wird genutzt. Und schon klingelt sie bei Falkmann. „Hey, welch schöne Überraschung. Du hier – an einem Dienstag?“ Britta ist erstaunt und freut sich richtig.

Sie ist auch erst vor wenigen Minuten nach Hause gekommen. „Komm, zieh deine Schuhe wieder an. Lass uns eine Runde in den Park gehen und gleich beim Italiener am See stoppen.“ Da muss man Britta nicht zweimal drum bitten. Und schon marschieren die beiden Freundinnen eingehakt über die Kieswege. Mal richtig durchatmen. Sie reden über Gott und die Welt und ergattern beim Italiener noch einen Platz im Freien direkt am See.

 

Nein sagen – reine Übungssache

„Du bist unbezahlbar. Deine Hilfsbereitschaft ist etwas, was ich an dir ganz besonders schätze. Aber diese Mal hast du dir damit geschadet. Oder siehst du das anders?“

Valentina atmet laut aus „Na, ja. Du hast schon Recht. Aber was hätte ich tun sollen. Ich konnte Evi doch nicht hängen lassen.“

„Wie wäre es damit? NEIN. Vier einfache Buchstaben mit großer Wirkung. Ich glaube, für dich wird es höchste Eisenbahn, endlich NEIN-Sagen zu üben. Oder es überhaupt erst zu lernen. Nein sagen kann man auch auf ganz charmante Weise. Ich habe den Verdacht, dass du das in deinem Leben noch nicht oft getan hast: Nein sagen. Weder charmant noch unfreundlich.

Und was heißt überhaupt „hängen lassen“ – bist du etwa verantwortlich für Evi? Ist es deine Aufgabe, sie einzuarbeiten? Zweimal ein klares Nein – oder?

 

Der Preis ist hoch

Was war der Preis, den du dafür bezahlt hast? Du hast deine Yoga-Stunde versäumt. Eine Ressource, die dir Kraft schenkt, steht dir damit heute nicht zur Verfügung. Klar, ich freue mich, dass ich dich ganz unverhofft sehe. Doch du solltest jetzt eher auf deiner Yogamatte schwitzen. Also, wenn Evi oder ein anderer Kollege das nächste Mal von dir Unterstützung braucht, was könntest du dann tun?“

„Na, ich werde erst einmal sehen, was auf meinen Schreibtisch los ist. Evi hätte eigentlich auch mit anderen Vorgängen weiter arbeiten können. Morgen ist Karl vielleicht wieder gesund und sie hätten gemeinsam das Problem besprechen können.

Vorhin hätte ich besser mal gesagt „Evi, ich helfe dir gerne. Heute geht es allerdings nicht. Denn ich habe noch einige Terminsachen zu erledigen. Morgen früh kann ich mir Zeit nehmen.“

Ja, das mache ich ab sofort anders. Die verpasste Yoga-Stunde ist mir eine Lehre. Wenn ich schon so viel arbeite, brauche ich meinen Ausgleich.“

 

Nein sagen – warum ist es nur so schwer?

„Was hat dich heute eigentlich daran gehindert, so zu reagieren?“ fragt Britta neugierig. „Wieso konntest du nicht einfach nein sagen?“

„Na ja, es ist mir tatsächlich eine Art Gewohnheit, zu helfen, wenn ich darum gebeten werde. Dafür hat mich schon als kleines Mädchen meine Mutter ganz besonders gelobt. Vielleicht hat es auch was mit diesem „Geben ist seliger als Nehmen“ zu tun. Ist ja eigentlich Käse und Asbachuralt, aber trotzdem sitzt diese Überzeugung tief in mir drin.

Und ich mag das Gefühl, für andere wichtig zu sein, gebraucht zu werden. So ein kleines bisschen hängt es wohl auch damit zusammen, dass ich mich und meine Bedürfnisse bisher nicht so richtig ernst nehme. Erst kommen bei mir immer die anderen. Das fällt mir jetzt nicht leicht, das einzugestehen, aber vor dir kann man eh nichts verbergen.“

„So die Damen. Zweimal Minestrone. Wünsche guten Appetit“ unterbricht der Kellner ihr Gespräch und stellt zwei Teller mit dampfender, köstlich duftender Gemüsesuppe auf den Tisch.

„Ich freue mich Britta, dass du mir dein Ohr geliehen und mir deine ehrliche Meinung gesagt hast. Es ist schön, dass du meine Freundin bist. Jetzt lass es dir schmecken.“

 

Aufforderung zum Austausch:

Was hast du für Erfahrungen mit dem NEIN? Fällt es dir leicht? Wie verpackst du dein NEIN?

Ich freue mich auf deinen Kommentar.

 

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Jutta Marx

Achtsamkeit und Gelassenheit sind für mich die Schlüssel zu einem Leben in innerem Frieden. Es ist egal, was das Leben dir präsentiert - wenn du bei dir bleibst, in deiner Mitte bist, dann kannst du mit allen Herausforderungen besser fertig werden. Auch die - manches mal extrem herausfordernde - Kinderwunschzeit lässt sich so besser bewältigen. Zeig dem Stress in deinem Leben jetzt die rote Karte!

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