Samstag und noch so viel zu erledigen

„Tut mir leid, ich habe echt keine Zeit. Ich muss noch ein paar Akten durchschauen, die ich mir vom Büro mitgebracht habe.“

Doris seufzt „Weißt du Valentina, dass wir es seit Wochen nicht schaffen, uns zu treffen? Immer erzählst du mir was von Arbeit, die du noch zu erledigen hast.

Heute ist Samstag, es ist herrlichstes Spätsommerwetter. Perfekt für einen Abend im Biergarten. Es wird bestimmt lustig, Peter und seine Freundin kommen auch. Sie haben Besuch von ihren ehemaligen Studienkollegen aus der Berliner Zeit, denen wollen sie die Münchner Gemütlichkeit näher bringen. Lass doch mal die Arbeit sausen und schalte um auf Freizeit.“

Die Beförderung lockt

„Mensch Doris, mach es mir nicht so schwer. Ich kann wirklich nicht“ erwidert Valentina gereizt „Bald geht es bei mir um die Beförderung und ich will es unbedingt schaffen. Ich will dabei sein, wenn der Kuchen verteilt wird. Wenn alles gut geht, habe ich sehr realistische Aussichten auf die stellvertretende Bereichsleitung. Das will ich so gerne sein. Stell dir das mal vor, wie gut sich das auf meiner Visitenkarte macht. Und dann bekomme ich eine Gehaltserhöhung und ich ein Dienstauto obendrauf. Mensch, dies wäre absolut genial.“

Privatleben?

„Ja, das hört sich schon toll an. Glaubst du, dass du dann auch mal wieder Zeit hast für dein Privatleben?“ „Also echt, du bist so negativ. Freu dich doch für mich. Mir ist derzeit mein Job total wichtig. Alles andere hat Zeit.“ „Na dann – jeder ist seines Glückes Schmied. Melde dich, wenn du mal wieder Zeit hast. Mach’s gut“ mit diesen Worten beendet Doris das Telefonat.

Seit Monaten geht das jetzt schon so. Valentina meldet sich nur noch ganz selten bei ihr, weil sie nach der Arbeit keine Kraft mehr für irgendetwas hat. Und wenn sie am Wochenende versucht, Valentina zu motivieren für gemeinsame Unternehmungen, dann hört sie regelmäßig „keine Zeit, muss noch arbeiten“.

Wo ist das offene Ohr?

Früher haben sie viel gemeinsam unternommen, haben regelmäßig telefoniert, sind gemeinsam ausgegangen und haben sich über Gott und die Welt die Köpfe heiß geredet. Doris konnte sich immer darauf verlassen, dass Valentina ein offenes Ohr hat, wenn sie Probleme hatte.

Und jetzt? Fehlanzeige. Eigentlich hatte Valentina nur noch Zeit, wenn es ihr selber nicht gut ging und sie jemanden zum Zuhören brauchte. Sehr, sehr schade. Doris fallen so viele Momente ein, in denen sie mit Valentina einfach nur albern war und gelacht hat, bis die Tränen kullerten.

Gemeinsam auf dem Gipfel

Und die Momente der Vertrautheit, wenn sie nach einem anstrengenden Aufstieg auf dem Berggipfel standen und den Blick übers Land genossen. Seite an Seite auf einem Felsen sitzend, schweigend in einer wohltuenden Stille mit einem Gefühl von Dankbarkeit. Das waren herrliche Momente der Gemeinschaft.

Gemeinsam gekentert

Oder damals in Frankreich die Paddeltour. Valentina hatte einen tief hängenden Ast übersehen und sie waren mit ihrem Kanu gekentert. Zum Glück waren alle Sachen in wasserfesten Säcken verpackt, so dass nur sie selber und die Klamotten, die sie am Leib trugen, patschnass waren. Aber nachdem der Schrecken überwunden und das Boot samt Ladung sicher an Land gezogen war, konnten sie herzhaft über das Ereignis lachen. Schön war dieser gemeinsame Urlaub. Lange her.

Freunde

Doris ist noch in den Erinnerungen gefangen, als sie sich im Biergarten mit Peter und den anderen trifft. Irgendwie ist ihr wehmütig zumute und es bleibt ihren Freunden nicht verborgen. Sie fragen vorsichtig nach und Doris darf ihnen ihr Herz ausschütten.

„Doris“ sagt Ina aus Berlin „ich habe erst vor ein paar Tagen einen Artikel gelesen, der passt total zu dem, was du gerade erzählst. Lach nicht, hört sich erst an, als hätte das mit dem, was du erzählst nichts zu tun, denn du bist ja noch so jung, aber da ging es um die Dinge, die Sterbende am meisten bedauern, wenn sie auf ihr Leben schauen.

Eines der Dinge lautet „sich nicht genug um Freunde gekümmert zu haben“. Ich schaue mal, ob ich diesen Artikel noch finde und schicke dir davon eine Kopie.“

Freunde sind kostbarer als Edelsteine. Klick um zu Tweeten

 

Ferienzeit – Zeit für Freunde

„Weißt du, was meine Mutter seit Jahren macht?“ wirft Peter ein „Die mietet jedes Jahr den ganzen August über ein Ferienhaus am Meer. Seit ich ein kleiner Junge war, tut sie dies. Immer das gleiche Haus. Anfangs sind wir als Familie mit zwei befreundeten Familien dort in die Ferien gefahren. Weil Urlaub mit Kindern viel mehr Spaß macht, wenn die Spielkameraden dabei haben.

Doch dann hat meine Mutter entdeckt, wie gut es tut, wenn sie selber wieder richtig viel Zeit für ihre Freunde hat. Vor allem, seit mein Vater tödlich verunglückt ist. Der Alltag als alleinerziehende Mutter lässt nicht viel Zeit für Freundschaften. Und so hat es sich eingebürgert, dass ihre Freunde sie im Urlaub im Ferienhaus besuchen.

Keiner bleibt die ganzen Ferien, sie wechseln sich nach mehreren Tagen ab. Zwei große Zimmer sind frei für die Freunde und so ist immer Leben im Haus. Meine Mutter und ihre Freunde lieben diese spezielle Zeit. Ihnen gefällt es miteinander zu kochen, zu reden und zu spielen.

Je nachdem wer da ist, wird gesungen und musiziert oder auch schon mal ein Kunstprojekt durchgezogen. Sie genießen es, Zeit miteinander zu verbringen, füreinander da zu sein. Eine abwechslungsreiche und unterhaltsame Zeit ist das. Ich finde es toll, wie die das machen. Wenn ich mal Familie habe, werde ich das nachmachen.“

Freundschaft will gepflegt werden

Peter bekam beim Erzählen ganz rote Backen und glänzende Augen, so begeistert war er. Ansteckend. Kein Wunder, dass an diesem Abend Pläne geschmiedet werden für einen gemeinsamen Urlaub im nächsten Jahr. Vielleicht der Beginn eines Rituals der Freundschaftspflege? Doris kommt mit einem versöhnlichen, frohen Gefühl nach Hause.

5 Dinge, die Sterbende am Meisten bedauern

Schon am Mittwoch findet sie in ihrem Briefkasten den versprochenen Artikel. Doris überfliegt erst einmal nur die Einleitung und die Überschriften:

 

Es geht um die Vorstellung eines Buches, das Bronnie Ware geschrieben hat. Sie arbeitete mehr als 8 Jahre in England als Palliativpflegerin – für Todkranke, für Sterbende, für die, die ihren Tod kommen sehen, und die, die nichts davon wissen wollen. Bronnie Ware begleitete ihre Patienten zu Hause in den Tod – und hörte in den Wochen, Tagen und Stunden in den Gesprächen mit den Sterbenden stets dasselbe Bedauern und dieselben Vorwürfe: das Bedauern darüber, nicht das Leben gelebt zu haben, das sie sich gewünscht hatten. Reue angesichts der Entscheidungen, die man getroffen oder nicht getroffen hat. Vorwürfe gegenüber sich selbst, weil diese Erkenntnis erst kam, als es bereits zu spät war.

  1. Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben
  2. Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet
  3. Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken
  4. Ich wünschte mir, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrechterhalten
  5. Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein

 

Mehr wird sie später nachlesen unter http://www.welt.de/vermischtes/article13851651/Fuenf-Dinge-die-Sterbende-am-meisten-bedauern.html

 

Danke

Also ich will eines Tages zufrieden zurück blicken und mich darüber freuen, dass ich mein Leben mutig gestaltet und mir viel Zeit genommen habe für die Menschen, die mir am Herzen liegen. Mit diesem Gedanken greift Doris zum Telefonhörer und ruft bei Ina in Berlin an, um sich zu bedanken für den Artikel und Pläne zu schmieden für einen Besuch in Berlin.

 

Einladung zum Austausch:

Wie geht es dir, wenn du liest, was Sterbende immer wieder bedauern? Ich würde mich freuen, wenn du deine Empfindungen dazu in den Kommentar schreibst.