Keine Lust auf Besuch

Ding Dong. „Oh, Mist – da klingelt jemand an der Tür.“ Eva überlegt einen Moment, ob sie sich tot stellt und kein Geräusch macht, so als sei sie gar nicht zu Hause. Doch die Neugier ist stärker als ihre Angst und durch den Türspion sieht sie ihre Freundin Waltraud. Mit ihr hat sie ein inniges Verhältnis und deshalb öffnet sie die Tür.

„Hallo Eva. Was ist denn mit dir los?“ Waltraud erschrickt, als sie ihre Freundin anschaut. Die Augen dick verquollen, die Wimperntusche verschmiert und um die Nase ganz blaß. „Ich hab an dich gedacht und es fühlte sich so an, als sollte ich direkt mal bei dir vorbeikommen. Wenn ich dich so anschaue, dann war das goldrichtig.“

 

Tabuthema Kinderwunsch

Eva nickt und umarmt Waltraud wortlos. Minuten später steht eine große, dampfende Kanne Tee auf dem Küchentisch und Eva beginnt stockend zu erzählen. Irgendwie fällt es ihr schwer. Obwohl die beiden Frauen so vertraut sind miteinander, haben sie ein Thema die letzten Jahre ausgeklammert. Waltraud hat keine Kinder, diesen Traum musste sie aus gesundheitlichen Gründen schon sehr früh aufgeben. Es war eine harte Zeit für sie und Eva hat das Thema Kinder seither vermieden, denn sie hatte Angst Waltraud zu verletzen und wollte keinesfalls alte Wunden aufreißen. Auch Waltraud hat von sich aus nie mehr davon gesprochen. Es wurde zu einer Art Tabu zwischen den beiden. Heute scheint der Tag zu sein, an dem dieses gebrochen werden muss und endlich offen und ehrlich auch darüber miteinander gesprochen werden darf.

 

Endlich Schwanger?

„Ach weißt du Waltraud, ich würde so gerne schwanger werden. Seit Monaten verzichten wir auf Verhütung und ich dachte immer, dass ich schwanger werde, sobald ich aufhöre zu verhüten. Doch das stimmt so wohl nicht. Und vor drei Wochen war meine Periode ausgeblieben. Ich war schon mehr als vierzehn Tage über der Zeit und hatte einen Termin bei meinem Frauenarzt ausgemacht. Kurz bevor ich das Haus verlassen wollte, bekam ich grässliche Unterleibsschmerzen, ging auf Toilette, weil es sich so merkwürdig anfühlte, wischte mich ab und hielt unverhofft so ein kleines, gekrümmtes Etwas auf dem Papier. Wie man es von Bildern so kennt. Ein wahrlich winziges Embryo. Habe es mitgenommen zum Arzt und der hat mir bestätigt, dass es eines ist und ich den Abgang einer Frühschwangerschaft erlebt habe. Das ist doch total ungerecht. Endlich bin ich schwanger und bevor ich es wirklich weiß, habe ich es auch schon wieder verloren. Ich könnte nur noch heulen. Martin war auf Geschäftsreise und für mich telefonisch nicht erreichbar. Außerdem wollte ich ihn nicht belasten, damit er gute Geschäfte machen kann. Als er zurückkam war er so glücklich und strahlend, das ich wieder nichts gesagt habe. Was hätte es geändert? Und dann war die Gelegenheit darüber zu sprechen verpasst.“

Eva unterbricht ihren Redefluss und lässt die Tränen laufen, trinkt eine Tasse Tee und ist froh, dass Waltraud einfach da ist, ihr zuhört und keinerlei Kommentar abgibt.

 

Angst vorm nächsten Mal

„Heute ist so ein Tag, wo mir auf einmal das Bild des winzigen Embryos vor meinem Auge auftaucht und ich habe eine Höllenangst, dass mir das noch einmal passiert. Obwohl es diesen Monat gar nicht sein kann, denn ich habe es vermieden, Sex zu haben. Schon der Gedanke daran hat mir Angst gemacht und ekelhafte Kopfschmerzen erzeugt. Ich zermartere mir den Kopf, was ich falsch gemacht habe. Es muss doch einen Grund geben, warum das passiert ist. Doch ich komm auf keine Antwort. Und wenn ich an Michaela denke, verstehe ich die Welt nicht mehr. Die hat als Teenager ein Kind bekommen, obwohl sie das gar nicht wollte. Verhütungspanne. Ich will unbedingt schwanger werden, dann klappt es und mein doofer Körper stößt das winzige, beginnende Leben gleich wieder ab, schafft es nicht, die Schwangerschaft zu halten. Ich habe total Angst, dass ich es nie erlebe, doch noch Kinder zu bekommen.“

Die ganze Körperhaltung von Eva drückt Angst aus. Immer wieder beginnt sie zu weinen, alles ist zusammen gezogen, ein leichtes Zittern geht durch den Körper.

 

Raus aus dem Sumpf

„Ok, Eva. Jetzt steh einmal auf“. Waltrauds Stimme ist energisch und duldet keinen Widerspruch. Sie ist selber schon aufgestanden und fordert ihre Freundin auf „mach mit“! Waltraud stampft kräftig mit dem rechten Bein auf den Boden und atmet deutlich hörbar aus. Und dann mit dem linken Bein. Eva wundert sich etwas, lässt sich aber drauf ein und beginnt auch zu stampfen. Kraftvoll von einem Bein auf das andere, begleitet von tiefem Ausatmen.

„Ein Glück, dass ich im Erdgeschoss wohne“ denkt sie für einen Moment und im nächsten Augenblick ist es ihr tatsächlich egal, ob sie jemanden stören könnte, denn sie bemerkt, wie befreiend es sich anfühlt. Immer kräftiger, immer schneller stampft sie auf den Boden. Mit jedem kraftvollen Ausatmen scheint mehr und mehr Anspannung abzufallen.

Angst und Liebe sind zwei Seiten einer Medaille Klick um zu Tweeten

 

ICH BIN

Und als ihre Freundin im Rhythmus des Stampfens beginnt laut zu rufen „ICH BIN“ stimmt sie gleich mit ein. Oh, das tut gut. Es fühlt sich an, als würde mit jedem Tritt mehr und mehr von dieser Angst abfallen. Und ein Gefühl der Befreiung wird spürbar. „ICH BIN“. Und von ganz allein verändern sich die Worte und sie spricht laut und klar „ICH BIN GROSSARTIG“, „ICH HAB VERTRAUEN“, „ALLES WIRD GUT“.

 

Erdung

Minuten später lässt die Intensität des Stampfens nach und schließlich bleibt Eva stehen. „Oh, das tat gut. Ich fühle mich jetzt geerdet. Ganz anders als vorhin.“ „Super, dann bleib gleich einmal stehen. Lege deine Hände auf deinen Brustkorb. Schließe deine Augen. Spür noch einmal wie deine Füße nun mit der Erde verbunden sind, wie du getragen bist. Und dann spüre, dass du auch vom Universum gestützt wirst. Du bist immer verbunden mit der göttlichen Quelle, egal was passiert. Nimm diese Verbindung jetzt ganz bewusst war. Atme ein mit dem Gedanken „Ich werde geliebt.“ Wunderbar, Eva. Das machst du ganz hervorragend. Atme die Liebe ein. Nimm mindestens 15 tiefe, bewusste Atemzüge, verbunden mit dem Gedanken „ich werde geliebt“.“

 

Freundschaft neu belebt

Als Eva die Augen wieder öffnet, hat sich ihr Gesichtsausdruck deutlich verändert. „Danke, Waltraud. Jetzt fühle ich mich wieder viel, viel wohler. Das mit dem Stampfen und dem Atmen merke ich mir. Ich kann mir vorstellen, dass mir das in den unterschiedlichsten Situationen hilfreich sein kann. Da werde ich mir nachher gleich zwei Zettel beschriften und etwas dazu malen. Die kommen dann an den Badezimmerspiegel. Zur Erinnerung für die Momente, wo Zweifel oder Ängste mich verunsichern und ich Unterstützung brauche. Danke. Schön, dass es dich gibt.“ Die beiden Freundinnen nehmen einander in die Arme und es fühlt sich für beide so gut an, dass dieses Tabuthema endlich auf den Tisch kam und so die Freundschaft eine Chance erhielt, noch einmal tiefer, offener und intensiver zu werden.

 

 

Einladung zum Austausch

Was hast du für Erfahrungen gemacht, welche Tipps hast du für die Momente, in denen die Gedanken sich in der Angst verbeißen? Schreib in den Kommentar und lass mich daran teilhaben. Vielen Dank!